Sozialpolitisches Abendgebet am 24.03.2016

Eröffnung

Lied: Gelobt seist du, Herr Jesus Christ (GL 375,1)

Sprecher: Im Namen Gottes kommen wir zusammen, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir feiern einen, dessen Reich ohne Grenzen ist – und stoßen unwillkürlich auf unsere eigenen Grenzen, auf religiöse, politische, menschliche Grenzziehungen. Und dennoch bleibt, dass Gottes Reich grenzenlos ist, dass diese Botschaft uns hineinziehen kann in ein Leben, wo Grenzen nicht nur gezogen, sondern auch erweitert oder gar aufgehoben werden.

Hören wir die Botschaft aus dem Matthäusevangelium:

Jesus zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. Jesus gab ihr keine Antwort. Seine Jünger aber baten: Befreie sie von ihren Sorgen, denn sie schreit hinter uns her. Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt. Doch die Frau fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, das soll geschehen.

Stille

gemeinsames Gebet: Gott, unser Schöpfer (GL 19, 5)

Lied: Meine engen Grenzen (GL 437)

Grenzen überschreiten – ein schmerzhafter Vorgang
„Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“

Dieser Vers aus dem Psalm 30 fiel mir sofort ein, als ich darüber nachdachte, was denn Grenzen in meinem Leben ausmachen.
In der Kinder- und Jugendzeit geht es darum, zu entdecken, was ich kann, was mir alles möglich ist.
Da erinnere ich mich an so manch eine Mutprobe.

Die Straße wurde neu gestaltet, es waren die Gehwegplatten übereinander gestapelt. Wir haben einen Turm daraus gebaut und sind dann von oben herunter gesprungen. Nach jedem Durchgang wurde eine zusätzliche Platte aufgelegt. Wer traut sich?
Der Stapel war für mich schon sehr hoch, ich war damals ungefähr 7 Jahre alt. Und ich stand oben und mir fehlte etwas die Traute. Und dann kam von hinten ein leichter Schubs und ich sprang herunter und fiel natürlich auf die Nase oder besser auf die Schulter. Das Schlüsselbein war gebrochen.

Die Grenze meiner Möglichkeiten hatte ich wohl oben auf dem Stapel gespürt – Das ist zu hoch für mich! – aber ich wollte dies nicht vor den anderen zugeben! Diese Mauer, diese Grenze habe ich nicht schmerzfrei übersprungen!

Eine andere Mutprobe fand im Schwimmbad statt. Mit der Messdienergruppe waren wir im Freibad, damals war ich ungefähr 13 Jahre alt. Im Freibad gab es eine Sprungturmanlage. Wer wagt es von dort oben zu springen? Einmal tief Luft geholt und rauf auf den Turm. Als ich oben stand, da schien der Turm wesentlich höher als er von unten aussah. Ich stand also oben und schaute nach unten, eigentlich wollte ich nicht springen – Das ist zu hoch für mich! – aber ich wollte es vor den anderen nicht zugeben. Kein Schubs von hinten, ein innerer Schubs drängte mich an den Turmrand und ich bin gesprungen. Das Aufkommen auf dem Wasser war sehr hart, lange Zeit konnte ich mich nicht mehr richtig hinsetzen, aber ich bin gesprungen!

Ich habe diese Grenze überwunden, wenn auch mit Schmerzen. Gehört das dazu? Grenzen überwinden, das kostet auch Schmerz?

Eine dritte Mutprobe bestand darin, etwas aus dem Supermarkt ´mitgehen‘ zu lassen. Innerlich wusste ich wohl, dass das falsch ist, dass ich etwas Verbotenes tue. Aber ich wollte mich nicht von den anderen absetzen. Ich habe diese Mutprobe bestanden, aber es tat danach in mir sehr weh. Eine bohrende Aussage: Du bist ein Dieb! Auch das ist eine schmerzhafte Grenzüberwindung!
Alles ist lange her, eigentlich schon vergessen und dennoch denke ich daran. „Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Ich habe so manch eine Grenze überschritten im Heranwachsen. Und oft wurde mir diese Grenzüberschreitung schmerzlich bewusst. Ich werde manchmal zu Grenzüberschreitungen gezwungen, manchmal überschreite ich Grenzen, die ich besser eingehalten hätte.

Jede Erfahrung ist eine schmerzhafte Erfahrung.

Grenzen – erkennen

Im beruflichen Leben gibt es dann auch so manch eine Grenzerfahrung. Da stoße ich an meine Möglichkeiten. Ich denke an so manch eine Begegnung mit Menschen, die mir ihr Herz ausgeschüttet haben. Oftmals war ich dann ohnmächtig, ich kam an die Grenzen meiner Möglichkeiten, die Mauer war einfach zu hoch.

Das ist dann auch schmerzhaft, die Grenzen des Machbaren (für mich machbar) zu erkennen. Aber das ist auch wichtig, dass ich diese Grenzen, die mir körperlich und psychisch gesetzt sind, wahrnehme.

Ich will doch immer das Beste für die anderen, ich will auch immer als der Gute angesehen werden. Dafür tue ich fast alles. Grenzen erkennen, ein schmerzhafter Prozess.

Da sitze ich eines Tages zu Hause und kann nicht mehr. Der Körper und die Seele streiken. Ausgebrannt, ausgepowert sitze ich da und die Tränen rinnen über die Wangen. Ich habe mir zu viel zugemutet, die Grenzen nicht wahrgenommen, nicht wahrhaben wollen! Seele und Körper machen nicht mehr mit. Kein Sprung vom Turm ist mehr möglich, es geht nur noch darum, möglichst heil da runter zu kommen!

Grenzen erkennen und dann auch mal Nein zu sagen und dadurch vielleicht auch nicht mehr als der Gute angesehen zu werden.

Mit dir erstürme ich Wälle, mit meinem Gott überspringe ich Mauern.“ Diese Mauer habe ich mit meinem Gott übersprungen. Er ist es, der mich annimmt, wie ich bin, mit meinen Begrenzungen, mit meinen Macken und Fehlern, mit meinen Fähigkeiten. Er ist es, der mich annimmt mit allem, was mich ausmacht!

Dieser nahe Gott zeigt sich mir immer wieder in den Menschen, die es gut mit mir meinen. Da gibt es die Familie, die mich trägt, da gibt es tiefe Freundschaft, die auch dann da ist, wenn ich weit weg bin. Es gibt gute Bekannte und Arbeitskolleginnen und -kollegen, die sich nicht über mich hermachen, sondern an meiner Seite stehen.

Ich glaube, mit meinem Gott, der sich mir so zeigt, kann ich grenzenlos wachsen, weil er mich in meinen Grenzen voll und ganz anerkennt!

Fragen zur Besinnung:

Wenn ich an meine Kindheit und Jugendzeit denke – welche Grenzen habe ich überwunden, welche schmerzhaften Erfahrungen kommen mir dabei in den Sinn?
Erkenne ich meine Begrenztheit?
Kann ich mich selbst mit meinen Grenzen annehmen?
Ist Gott mein Helfer und Retter?

Gemeinde (grenzenlos) erfahren

Gemeinde verändert sich, die ‚normale‘ Pfarrgemeinde ist für viele eine Gemeinschaft, die sich nur noch am Sonntag zum Gottesdienst trifft. Und doch erinnern sich Menschen immer wieder daran, wie gut es ist, den Glauben zu leben. Dies geschieht in Gemeinschaft und dabei sind nicht nur die Gottesdienste wichtig, sondern ganz viele Begegnungen im Miteinander.
So ist es faszinierend, wie viele Gruppierungen es gibt, kleine Gruppen vor Ort, die ihre Idee von Gemeinde leben. In vielen Gemeinden gibt es sie:

  • Menschen, die sich in den geprägten Zeiten zu Frühschichten treffen. Das Erstaunliche ist dabei, dass auch Menschen daran teilnehmen, die sonst nicht zur üblichen Gottesdienstgemeinde gehören. Das liegt nicht nur daran, dass sich nach der Frühschicht in der Kirche ein Frühstück im Pfarrheim anschließt, wo man noch beisammensitzt und miteinander redet. Andernorts trifft man sich zu Spätschichten oder auch zum Adventsfenster. Überall gibt es die Erfahrung: Wir teilen miteinander das Leben und auch den Glauben.
  • Menschen, die sich der Kunst und Kultur verschrieben haben, organisieren miteinander und füreinander Workshops, Ausstellungen und Konzerte. Auch dabei spielt die Gemeinschaft eine große Rolle, das gemeinsame Essen, Trinken und Singen. Hinzu kommt auch das gemeinsame Beten.
  • Die KAB im Bistum Münster hat schon seit vielen Jahren einen Kreis von Menschen, die sich über die Internetseite des Verbandes miteinander im Gebet vereinen. Gebetsanregungen helfen dabei, die Zeit zu füllen. Seit einigen Monaten treffen sich Interessierte in der Kapelle des Gottfried Könzgen Hauses in Haltern am See, um miteinander diese Gebetszeit zu füllen. Im Nachgang solcher Gebetseinheiten wird noch miteinander geredet und ein wenig Zeit verbracht. Nicht nur das gemeinsame Beten ist wichtig, sondern auch die geteilte Zeit!
  • Ganz viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Auch hier bilden sich Gruppen, die miteinander ins Gespräch kommen, die ihren Glauben und das Leben teilen. Das sind nicht nur die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, da kommen dann auch Menschen unterschiedlichster Herkunft und auch verschiedenster Religionen zusammen.
  • Kinderkirche ist ein ‚Schlagwort‘ in der Pastoral. Auch hier werden neue Wege gegangen mancherorts. Die Kinderkirche findet an einem Ort statt, den die Eltern und Kinder aus ihrem Alltag kennen. In der Kindertagesstätte. Die Hemmschwelle ist niedriger und tatsächlich kommen Eltern mit ihren Kindern dorthin, die ansonsten um die große Kirche einen Bogen machen. Und diese Eltern kommen miteinander ins Gespräch über Leben und Glauben, sie beginnen sogar, sich in der Pfarrgemeinde zu engagieren. Eine kleine Gemeinschaft als Keimzelle lebendigen Glaubens.
  • Verschiedenste Gruppen in der großen Pfarrei gibt es, die ihren Glauben teilen und auch ein Teil ihres Lebens. Eine Gruppe von Männern trifft sich monatlich und tauscht sich aus, sie sprechen miteinander über das Leben, sie sprechen über ihren Glauben und feiern auch Gottesdienst. Das geschieht auch mit Frauengruppen, die so Gemeinde bilden. Familienkreise kommen zusammen und teilen Lebens- und Glaubenserfahrungen, sie stärken sich gegenseitig in der Alltagsbewältigung.

Überall sind es kleine Gruppen und Gemeinschaften, die miteinander Gemeinde bilden. Eine kleine Gemeinde unter sich, aber vernetzt auch miteinander in einer Großgemeinde. Ich lade einfach mal ein, die Augen und Ohren zu öffnen und zu entdecken, wo es in meiner Umgebung solche Aufbrüche, solche kleinen Gemeinschaften (Gemeinden) schon gibt. Eine Gemeinde ist offen für andere, für neue Mitglieder, ansonsten ist es keine Gemeinde.

Fusionisch für Anfänger oder neue Worte braucht das Land
Ein Märchen von Daniela Overkamp, Steinfurt

Es war einmal eine kleine Stadt in einer ländlichen Gegend. Da lebten die Menschen in zwei Stadtteilen, die getrennt waren durch einen großen Park und einen eher kleinen Hügel, den sie dennoch stolz Berg nannten.
Neben vielen anderen Menschen der verschiedensten Religionen und Weltanschauungen lebten auf beiden Seiten des großen Parks und des kleinen Bergs mehr oder weniger viele Menschen, die sich Katholiken nannten. Sie trafen sich, feierten miteinander, brachten ihre Kinder zur Taufe und zur Kommunion und begegneten einander an Festtagen, Feiertagen und vielen anderen Tagen zwischendrin. Dabei blieben sie meistens auf ihrer Seite des großen Parks und des kleinen Bergs. Eigentlich war das Leben so ganz friedlich und viele hätten sich gewünscht, dass es einfach weiter in seinen vertrauten Bahnen laufen möge.
Doch zur gleichen Zeit trug es sich in einer etwas weiter entfernten, viel größeren Stadt zu, dass der Oberhirte der gesamten Region sich überlegte, seine Schäfchen neu zu ordnen. Seine Berater und er waren nach reiflicher Überlegung zu dem Schluss gekommen, es wäre eine fürwahr hervorragende Sache, gäbe es statt vieler kleinen Gemeinden lieber weniger viele, aber dafür große Pfarreien. Was das für Möglichkeiten böte!
Papiere wurden gewälzt, Dokumente erarbeitet, Prozesse angestoßen, Strukturreformen in die Wege geleitet … allen Ortes herrschte geschäftiges Treiben.
Manch einen stürzte diese Mär, die erst hinter vorgehaltener Hand weitergetragen, schließlich aber doch öffentlich ausgerufen wurde, in ein wahres Meer von Fragen. Was würde nun nur aus ihnen werden? Würde es bald nur noch ein Gotteshaus geben? Müssten sie künftig jeden Sonntag die Wanderung über den kleinen Berg oder durch den großen Park bewältigen? Wer würde sonntags hinter dem Altar stehen? Gäbe es noch jemanden, der für sie da wäre und ihnen ein offenes Ohr schenken würde?
Gleichwohl schwirrten viele Informationen durch die Luft. Doch die Unsicherheit blieb. Und viele neue oder neu verwendete Begriffe stürzten die Menschen zusätzlich in Verwirrung. Funktionen wie „leitender Pfarrer“ und „Pfarrkirche“ schienen an emotionaler Bedeutung zu gewinnen, sollte es sie doch demnächst nur noch auf einer Seite des großen Parks und des kleinen Bergs geben. Das Konzept des Pfarreirats wurde geboren, der sich irgendwelche Aufgaben mit Gemeindeausschüssen teilen sollte, von denen auch noch nie jemand gehört hatte.
Ein Verwaltungsausschuss sollte den vertrauten Kirchenvorstand ablösen, nur um wieder von einem Kirchenvorstand abgelöst zu werden, wenn sich die ersten gerade gemerkt hatten, dass es ihn überhaupt gab.
Und unter Kopfschütteln, fragenden Blicken und ungläubigem Staunen der Menschen auf beiden Seiten des großen Parks und des kleinen Bergs näherte sich der Tag, an dem mit lautem Fanfarenklang ein neues Zeitalter eingeläutet werden sollte. Und das Fest kam und verging. Und die Menschen auf beiden Seiten des großen Parks und des kleinen Bergs warteten gespannt, was nun geschehen würde. Welche Prophezeiungen würden sich bewahrheiten? Wo hatte man sich umsonst Sorgen gemacht, wo hatte man unterschätzt, was sich da anbahnen würde? Gab es Gewinner und Verlierer, und wenn ja, wer war wer? Bei wem konnte man nun vorsprechen und wer würde für einen Fürsprache halten? Und wer war noch einmal der Pfarreirat und was machte der mit dem Pastoralplan?
Manches steht fest inmitten dieser Fragen: Die Menschen wandern häufiger mal auf die andere Seite des großen Parks und des kleinen Bergs. Aber sie treffen sich immer noch, feiern miteinander, bringen ihre Kinder zur Taufe und zur Kommunion und begegnen einander an Festtagen, Feiertagen und vielen anderen Tagen zwischendrin. Und oft bleiben sie dabei auch immer noch auf ihrer Seite des großen Parks und des kleinen Bergs.
Und solange überall das geschäftige Treiben weitergeht, mag sich eines Tages auch noch die Unsicherheit und Verwirrung lösen, die danach trachten, so manchen Menschen rund um den großen Park und den kleinen Berg im Wege zu stehen.
Und wenn sie nicht gestorben sind …

Politische und staatliche Grenzen – und deren Konsequenzen
(Quelle: www.publicopinia.de, Artikel „Grenzen“, Dr. Reinhart Gruhn, veröffentlicht 03.11.2015) (…)

In Zeiten zunehmender ökonomischer Konkurrenzen, kultureller Differenzen und politischer Krisen scheinen derzeit wieder diejenigen die Oberhand zu gewinnen, die eine Stärkung der Nationalstaaten und damit eine Neubewertung der Grenzen befürworten. Die Flüchtlingsströme scheinen kaum eine andere Wahl zu lassen, solange die Uniformität von Nation, Kultur und Staat als Grund und Ziel jeder Nationalstaatlichkeit verteidigt wird.
Es geht nicht darum, Stimmungen, Gefühle und Ressentiments zu ignorieren, sondern darum, selbstkritisch, offen und „vorurteilsbewusst“ die Widersprüchlichkeit und Gegensätzlichkeit von Entwicklungen ernst zu nehmen, die zu fatalen Konsequenzen eines erneuten Siegeszuges nationalstaatlichen Denkens und Handelns führen können. Man muss nicht alle Begleiterscheinungen der Globalisierung und Vernetzung mögen und gut heißen, aber wir verdanken ihr unseren Wohlstand und Lebensstandard. Bisher hat der freie Austausch von Ideen, Waren und Dienstleistungen den Frieden eher befördert, aber es könnte sein, dass sich diese Periode dem Ende zuneigt.
Nationale Egoismen aber, wenn sie nicht supranational ausgeglichen und neutralisiert werden, tragen immer den Keim zu offenen, kriegerischen Konflikten in sich. Wenn nicht mehr Recht und Verträge gelten, sondern Machtansprüche und Eigeninteressen dominieren samt Floriansprinzip, hat Europa verloren, und mit Europa die ganze Welt. Dann ist der (und das) Fremde wieder die Gefahr, die ausgegrenzt werden muss, die schon immer als Rechtfertigung für die Schrecken der Kriege getaugt hat. Grenzregime sind daher immer über den behaupteten praktischen Nutzen hinaus Symbole nationalstaatlicher Selbstbehauptung – und Befangenheit gewesen.
Ob man die positive Seite von Grenzen („Sichere Grenzen schaffen gute Nachbarn“) in der Bewahrung von Frieden und im gegenseitigen Respekt einer „Weltgesellschaft“ aufrecht erhalten kann, wird sich zeigen. Kulturell gesehen sind Grenzen etwas Archaisches, denn Kultur und Geist streben nach Freiheit und Grenzenlosigkeit.
Grenzen schützen und stiften Identität, sie sind zugleich Ausdruck von Respekt – deshalb erzieht man Kinder auch dazu, Grenzen zu erkennen und zu akzeptieren. Grenzen zu ignorieren ist nichts anderes als Übergriffigkeit. Deshalb sind Grenzen ein Menschenrecht: Sie schützen das Individuum vor Vereinnahmung. Sie können aber eben auch der Absicherung von Macht und der Abwertung anderer dienen. 

Eine Grenze definiert ein „innen“ und ein „außen“. Welche politischen Grenzen – im Großen wie im Kleinen – bestimmen mich? Welche Bedeutung haben sie für mich? Welche (politischen) Grenzen sollten überwunden werden? Welche gestärkt?

Über die Grenzen der Familie hinaus …
Aussagen aus dem Abschlussbericht der Familiensynode – und wohin sie uns führen können.

88. Die Zärtlichkeit ist das Band, das in der Familie die Eltern untereinander und mit ihren Kindern vereint. Zärtlichkeit heißt, mit Freude zu geben und im Anderen die Freude hervorzurufen, sich geliebt zu fühlen. Sie drückt sich in besonderer Weise darin aus, sich den Grenzen des Anderen mit vorzüglicher Achtsamkeit zuzuwenden, besonders dann, wenn diese Begrenzungen offensichtlich hervortreten. Jemand mit Feingefühl und Respekt behandeln bedeutet, Wunden zu heilen und neue Hoffnung zu schenken, damit im Anderen das Vertrauen neu belebt wird. Die Zärtlichkeit in den familiären Beziehungen ist jene alltägliche Tugend, die dabei hilft, innere Konflikte und Konflikte in den Beziehungen zu überwinden.
Diesbezüglich lädt uns Papst Franziskus zum Nachdenken ein: „Haben wir den Mut, mit Zärtlichkeit die schwierigen Situationen und die Probleme des Menschen neben uns mitzutragen, oder ziehen wir es vor, sachliche Lösungen zu suchen, die vielleicht effizient sind, aber der Glut des Evangeliums entbehren? Wie sehr braucht doch die Welt von heute Zärtlichkeit! – Geduld Gottes, Nähe Gottes, Zärtlichkeit Gottes“ (Predigt in der Mitternachtsmette, 24. Dezember 2014)

Zärtlichkeit, Achtsamkeit, Respekt, Feingefühl – wie viel davon lebe ich in den engen Grenzen meiner Familie? Und wie viel außerhalb? Die Glut des Evangeliums oder die sachliche Effizienz – was findet sich in welchen Bereichen meines Lebens mehr wieder?

90. Die Kirche muss in den Familien einen Sinn kirchlicher Zugehörigkeit wecken, einen Sinn für das „wir“, wo keiner ein vergessenes Glied ist. Alle sollen ermutigt werden, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und das Projekt des eigenen Lebens im Dienst am Reich Gottes zu verwirklichen. In den kirchlichen Kontext eingebunden, soll jede Familie die Freude der Gemeinschaft mit anderen Familien erfahren, um dem Gemeinwohl der Gesellschaft zu dienen, indem sie auch durch die Nutzung der sozialen Netzwerke und der Medien eine Politik, eine Wirtschaft und eine Kultur im Dienst der Familie fördert. Es ist wünschenswert, Möglichkeiten zu schaffen, um kleine Gemeinschaften von Familien als lebendige Zeugen der Werte des Evangeliums entstehen zu lassen. (…)

Was ist der Wert von diesem „Wir“, den wir in unserer Gemeinde, in unserem Verband den Familien vermitteln wollen? Wo dienen wir als Familie, als Gemeinde, als Verband uns? Und wie und wo leisten wir einen Dienst am Reich Gottes? Wo sind wir lebendige Zeugen des Evangeliums?

Die Grenzen unserer Lebensweise
Anregungen aus der Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus:

129. (…) Damit es eine wirtschaftliche Freiheit gibt, von der alle effektiv profitieren, kann es manchmal notwendig sein, denen Grenzen zu setzen, die größere Ressourcen und finanzielle Macht besitzen. Eine rein theoretische wirtschaftliche Freiheit, bei der aber die realen Bedingungen verhindern, dass viele sie wirklich erlangen können, und bei der sich der Zugang zur Arbeit verschlechtert, wird für die Politik zu einem widersprüchlichen Thema, das ihr nicht zur Ehre gereicht. (…)
193. Wenn in einigen Fällen die nachhaltige Entwicklung neue Formen des Wachstums mit sich bringen wird, muss man immerhin in anderen Fällen angesichts des unersättlichen und unverantwortlichen Wachstums, das jahrzehntelang stattgefunden hat, auch daran denken, die Gangart ein wenig zu verlangsamen, indem man einige vernünftige Grenzen setzt und sogar umkehrt, bevor es zu spät ist. Wir wissen, dass das Verhalten derer, die mehr und mehr konsumieren und zerstören, während andere noch nicht entsprechend ihrer Menschenwürde leben können, unvertretbar ist. Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann. (…) 

208. (…) Ohne sie [die Fähigkeit, auf andere zuzugehen, H.W.] erkennt man die anderen Geschöpfe nicht in ihrem Eigenwert, ist nicht daran interessiert, etwas für die anderen zu tun, und ist nicht imstande, sich Grenzen zu setzen, um das Leiden oder die Schädigung unserer Umgebung zu vermeiden. (…) Wenn wir fähig sind, den Individualismus zu überwinden, kann sich wirklich ein alternativer Lebensstil entwickeln, und eine bedeutende Veränderung in der Gesellschaft wird möglich.

Die „Grenzen des Wachstums“ wurden schon vor über 40 Jahren vom Club of Rome beschrieben. Die ökologische, politische und soziale Entwicklung seitdem hat dazu geführt, dass diese Grenzen nicht nur theoretisch bleiben, sondern dass sie Auswirkungen auf unser alltägliches Leben haben. Vom Kopf her ist daher den meisten Menschen klar, dass es bei einem „weiter so“ nicht bleiben kann. Aber der Schritt vom Erkennen zur Veränderung des eigenen Handelns ist trotzdem oft weit, daher bleibt die Frage wichtiger denn je: Welche Grenzen bzw. welche Eingrenzung meiner Lebensweise bin ich bereit zu akzeptieren – zugunsten der Lebensmöglichkeiten von Anderen?

Grenzgänger

In den Evangelien wird Jesus als Grenzgänger, als „Grenzen Überschreiter“, dargestellt. Das beginnt schon mit seiner Herkunft: „Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ (Joh,1 46) Sein Umgang war für fromme Juden mehr als ein Ärgernis: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder! (Mt 11, 18) Er lässt ausgerechnet einen Samariter – einen abtrünnigen Juden – barmherzig sein, nachdem ein Priester und ein Levit achtlos am Verletzten vorbeigegangen sind. (Lk 10,33) Mit grenzenlosem Gottvertrauen und innerer Freiheit legte sich Jesus mit den Mächtigen an.
Verfolgung erlebte er schon kurz nach seiner Geburt. Matthäus berichtet davon:
„Josef und Maria – Geburt in unruhigen, schwierigen Zeiten, das Kind und die Mutter wohlauf … Doch da: Josef erscheint ein Engel im Traum und macht Angst, dem Kind droht der Tod, rette es und mach dich auf, fliehe ins Ausland.
Ohne Papiere über die Grenze, so schnell wird man zum Flüchtling …
Zukunft suchen und hoffen, alles aufgeben, um das Kind zu retten.“
Zitiert aus: © Bibel und Kirche 1/2015, Kath. Bibelwerk e.V. Stuttgart, www.bibelwerk.de

Schon damals: Besetztes Gebiet durch römische Herrschaft, Vertreibung, Vergewaltigung, Versklavung im römisch-jüdischen Krieg, die heiligen Stätten zerstört. Warum nur tun Menschen anderen Menschen Gewalt an, die Mächtigen dem einfachen Volk?

Grenzen überschreiten durch Flucht

Josef ist mit der kleinen Familie vor der Gewalt des Herodes nach Ägypten geflohen. Viele Jahrhunderte vorher war ein anderer Josef von seinen Brüdern als Sklave nach Ägypten verkauft worden. Er gewann die Gunst des Pharaos und wurde mächtig. So konnte er in einer Dürrezeit seine Familie, mit der er sich versöhnt hatte, bei sich in aufnehmen und versorgen. Die Familie blieb und wurde eine große Sippe – die Ägypter bekamen Angst. Wie würden sich die Israeliten bei einem Krieg verhalten? Die Männer wurden zu harter Sklavenarbeit gezwungen, die neugeborenen Jungen getötet …
„Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und den Klageschrei gegen ihre Antreiber habe ich gehört. Ich kenne ihr Leid. Ich bin herabgestiegen …“ sagt Gott im brennenden Dornbusch zu Mose und „… jetzt geh. Ich sende dich.“ (nach Ex 3, 7–10)
Generationen später, das Volk ist im gelobten Land sesshaft geworden, heißt es im Buch Levitikus:
Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott. (Lev 19, 33-34)
Die Erfahrung des Volkes, selbst fremd zu sein in Ägypten, soll die Israeliten ermutigen, die Fremden wie Einheimische, wie Freunde – zumindest aber mit‚ freundlichen Augen anzusehen. Jeder ist ein Fremder – fast überall!
Im Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes heißt es:
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

Das deutsche Grundgesetz betont die Würde des Menschen im Artikel 1. Das ist der Dreh- und Angelpunkt des Handels gegenüber den Menschen.

In den 10 Geboten, die Gott seinem Volk während der Wanderung durch die Wüste ins gelobte Land gegeben hatte, heißt es als erstes: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhaus. Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Daran haben sich die Herrscher und damit das Volk nicht immer gehalten und u. a. den Götzen Baal verehrt. Dagegen hat der Prophet Elija im Namen Jahwes gekämpft bis hin zum Mord an Baal-Priestern. Die Königin hat dafür seinen Kopf gefordert und Elija musste fliehen. „Er machte sich auf und ging nach Sarepta. Als er an das Stadttor kam, traf er dort eine Witwe, die Holz auflas. Er bat sie: Bring mir in einem Gefäß ein wenig Wasser zum Trinken! Als sie wegging, um es zu holen, rief er ihr nach: Bring mir auch einen Bissen Brot mit! Doch sie sagte: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts mehr vorrätig als eine Hand voll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Ich lese hier ein paar Stücke Holz auf und gehe dann heim, um für mich und meinen Sohn etwas zuzubereiten. Das wollen wir noch essen und dann sterben. Elija entgegnete ihr: Fürchte dich nicht! Geh heim und tu, was du gesagt hast. Nur mache zuerst für mich ein kleines Gebäck und bring es zu mir heraus! Danach kannst du für dich und deinen Sohn etwas zubereiten; denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Der Mehltopf wird nicht leer werden und der Ölkrug nicht versiegen bis zu dem Tag, an dem der Herr wieder Regen auf den Erdboden sendet. Sie ging und tat, was Elija gesagt hatte. So hatte sie mit ihm und ihrem Sohn viele Tage zu essen. Der Mehltopf wurde nicht leer und der Ölkrug versiegte nicht, wie der Herr durch Elija versprochen hatte. (1 Kön 17, 10-16) Die Israeliten waren Nomaden, wurden sesshaft, waren kriegerisch, ihr Land immer wieder erobert, besetzt, die Bewohner verschleppt, ihre Kultur und vor allem der Glaube an den Einen, Einzigen Gott JAHWE bedroht. Zur Zeit der ersten Christen: Besetztes Gebiet durch römische Herrschaft, Vertreibung, Vergewaltigung, Versklavung im römischjüdischen Krieg, die heiligen Stätten zerstört.

Und heute? Weltweit gibt es Krieg, Gewalt, Vertreibung, Herrschaft mit Gewalt durchsetzt, Mauern, Zäune, Schließen von Grenzen, Brandanschläge, Hass und Aufrufe zum Mord. Aber auch: Willkommenskultur, hoher beruflicher und ehrenamtlicher Einsatz, nicht nachlassende Spendenbereitschaft, Phantasie und Kreativität und Mitmenschlichkei

Deutschunterricht mit Flüchtlingen
Ria Nick, Aldekerk

Seit dem 19. Oktober 2015 erteile ich mit einer ehemaligen Kollegin einer Gruppe Flüchtlingen in der Sekundarschule Wachtendonk Deutschunterricht. Die Gruppe besteht vorwiegend aus Männern, die in ihren Heimatländern Syrien, Afghanistan, Albanien, dem Irak, Guinea, Serbien, dem Kongo … in unterschiedlichen Berufen tätig waren (Student, Polizist, Arzt, usw.). Zu Anfang herrschte eine starke Fluktuation und auch mit der Pünktlichkeit nahmen es viele nicht so genau. Mit Unterstützung weiterer Ehrenamtlicher aus dem ökumenischen Arbeitskreis konnten wir differenzieren in Anfänger- und Fortgeschrittene, wobei wir bei den Fortgeschrittenen noch eine Spitzengruppe einrichten konnten. Wir wussten nie, wie viele Personen kamen, hatten zu wenig Sitzplätze und Arbeitsblätter, aber wir haben niemanden weggeschickt, sondern improvisiert, so gut es ging. Gab es Verständigungsprobleme, half uns oftmals unser Schulenglisch oder Schulfranzösisch, oder Teilnehmer aus dem gleichen Herkunftsland setzten sich vermittelnd ein. Zu Beginn der Unterrichtsstunde begrüßten uns einige Flüchtlinge mit Handschlag, andere schenkten uns ein freundliches „Guten Morgen“, aber dass am Ende sich jemand bedankt und uns dabei die Hand gibt, hat uns tief berührt. Es lohnt sich – wir machen weiter.

Abschluss des Abendgebetes

Gebet   Umkehr und Buße (677,3)

Lieder: Wenn das Brot, das wir teilen (GL 470)
               Eine große Stadt ersteht (GL 479)